Stereotypaktivierung – Schubladendenken ohne Kontrolle?

Der Prozess der Stereotypisierung erfolgt in zwei Zeitabschnitten, der Stereotypaktivierung und der Stereotypakzeptierung. Entscheidend ist auch, ob diese in Folge in diskriminierendes Verhalten umgesetzt wird. 

 

Stereotypaktivierung durch eine Vielzahl an Reizen

In der Kognitionsforschung werden Stereotype vor allem als kognitive Strukturen oder Schemata dargestellt, die das Wissen einer Person, dessen Erwartungen und Vermutungen hinsichtlich einer bestimmten sozialen Gruppe repräsentieren. Dieses Wissen liegt im Langzeitgedächtnis gespeichert vor. Dessen Aktivierung erfolgt meist unbewusst und kann unsere Wahrnehmung, Erinnerung und in Folge unser Verhalten beeinflussen.

Die Konfrontation mit der Gruppenzugehörigkeit einer Person ist ein zuverlässiger Weg, die mit dieser Gruppe assoziierten Stereotype zu aktivieren. Doch auch nur die beiläufige Nennung eines Gruppen-Labels, wie z.B. Ausländer, Emanze, Schwarze, Alte usw., kann zu diesem Prozess führen. So schätzten die Teilnehmer*innen einer Studie von Greenberg und Pyszczynski (1985) einen afroamerikanischen Diskutanten schlechter ein, nachdem ein Vertrauter der Versuchsleitung einem anderen Vertrauten einen rassistischen Kommentar zuraunte, in dem die abwertende Gruppenbezeichnung „Nigger“ vorkam. Ohne Nennung des Gruppen-Labels war die Beurteilung deutlich besser.

Oftmals reicht aber schon eine unterschwellige Darbietung eines Reizes aus, um einen Stereotyp zu aktivieren, hier wird von Priming gesprochen. In diesem Zusammenhang ließen Bargh und Kolleg*innen (1996) ihre Versuchspersonen Sätze aus Wortlisten bilden. Die Hälfte der Teilnehmer*innen erhielten eine Liste aus Wörtern, welche dem Altenstereotyp entsprachen (z.B. alt, grau, vergesslich, hilflos). Anschließend wurde die Gehgeschwindigkeit der Teilnehmer*innen gemessen, wobei jene Personen, welche mit der stereotypkonformen Liste gearbeitet hatten, langsamer gingen, als jene, deren Wortliste aus neutralen Wörtern bestand. Aus nachfolgenden Interviews ging hervor, dass die Teilnehmer*innen ihre Verlangsamung nicht bewusst wahrgenommen hatten und diese auch nicht begründen konnten.

 

Moderatoren der Stereotypaktivierung

Zahlreiche Faktoren haben Einfluss darauf, ob und in welchem Ausmaß ein Stereotyp aktiviert wird:

  • Assoziationsstärke

Je mehr Erfahrung wir mit einem bestimmten Stereotyp haben, desto stärker ist unserer Assoziation eines bestimmten Verhaltens mit diesem Stereotyp und desto stärker beeinflusst die Aktivierung dieses Stereotyps unser Verhalten.

  • Kapazität

Personen welche kognitiv beschäftigt sind, d.h. geringe Kapazität aufweisen, zeigen eine geringere Aktivierung, wenn sie einem potenziell stereotypaktivierenden Reiz ausgesetzt sind. Ist der Stereotyp allerdings bereits aktiviert, kann eine geringe Kapazität zu einer verstärkten Stereotypanwendung führen.

  • Kontext

Die Situation innerhalb derer ein potenziell stereotypaktivierender Reiz auftaucht, trägt maßgeblich zur Form der Stereotypaktivierung bei. So führten Portraits von Afroamerikaner*innen innerhalb einer Kirche, zur Aktivierung von eher positiven Stereotypen, während ein baufälliger Straßenabschnitt als Hintergrund zur Aktivierung negativer Stereotype führte (Wittenbrink et al., 2001).

 

Wie kann die automatische Stereotypaktivierung vermindert werden?

Stereotype spiegeln eine grundsätzliche und überlebensnotwendige Fähigkeit des Menschen wider Kategorien zu bilden. Wie viele andere kognitive Prozesse, müssen auch Stereotype kognitiv zugänglich sein, um ihre Wirkung zu entfalten. Bei dieser Zugänglichkeit setzen einige Methoden zur Minderung automatischer Stereotype an.

Beispiele sind in folgenden Beiträgen im Detail beschrieben:

 

Ein Stereotyp ist noch kein Vorurteil

Damit ein Stereotyp zu einem Vorurteil wird, muss an dieses geglaubt werden. Es braucht eine affektive Komponente und ein entsprechendes Verhalten. In der Wissenschaft werden diese Prozesse Stereotypakzeptierung und Stereotypanwendung genannt.

In unserem kommenden Beitrag wird aufgezeigt, welche Moderatoren die Stereotypakzeptierung und Stereotypanwendung beeinflussen können (erscheint in Kürze).

 

Weiterführendes

  • Bargh, J. A., Chen, M., & Burrows, L. (1996). Automaticity of social behavior: Direct effects of trait construct and stereotype activation on action. Journal of Personality and Social Psychology, 71(2), 230–244. https://doi.org/10.1037/0022-3514.71.2.230
  • Greenberg, J., & Pyszczynski, T. (1985). The effect of an overheard ethnic slur on evaluations of the target: How to spread a social disease. Journal of Experimental Social Psychology, 21(1), 61–72. https://doi.org/10.1016/0022-1031(85)90006-X
  • Hamilton, D. L. & Sherman, J. (1994). Stereotypes. In R. S. Wyer, Jr. & T. K. Srull (Hrsg.), Handbook of social cognition (S. 1-68). Hillsdale, NJ: Erlbaum.
  • Mussweiler, T. (2006). Doing Is for Thinking!. Stereotype activation by stereotypic movements. Psychological Science, 17(1), 17–21. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2005.01659.x
  • Werth, L., Seibt, B., & Mayer, J. (2020). Vorurteile. In L. Werth, B. Seibt, & J. Mayer, Sozialpsychologie – Der Mensch in sozialen Beziehungen (S. 227–321). Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-53899-9_4
  • Wittenbrink, B., Judd, C. M., & Park, B. (2001). Spontaneous prejudice in context: Variability in automatically activated attitudes. Journal of Personality and Social Psychology, 81(5), 815–827. https://doi.org/10.1037/0022-3514.81.5.815