Distance Bias – Aus den Augen aus dem Sinn

von | 14. 12. 2020

Wir überbewerten Dinge, die uns näher sind – das kann in Zeiten von Social Distancing zu suboptimalen Entscheidungen führen.

 

Aufgrund mentaler Shortcuts sprechen wir Dingen, die uns näher sind, einen höheren Wert zu als anderen. Der Kognitionswissenschaftler David Rock fasst dies unter dem Begriff „Distance Bias“ zusammen. Wie andere Unconscious Biases, ermöglicht er zwar schnelle und einfache Entscheidungen, allerdings nicht zwingend faire und optimale. Diese kognitive Verzerrung kann sowohl bei zeitlicher als auch bei räumlicher Distanz auftreten.

 

Distance Bias bei zeitlicher Distanz

Ein sehr bekanntes Beispiel eines Distance Bias zeitlicher Natur ist das sogenannte Hyperbolic Discounting, auch Gegenwarts-Bias genannt. Vereinfacht gesagt ist das die Tendenz, gegenwärtigen Nutzen stärker zu gewichten als zukünftigen, selbst wenn der zukünftige Nutzen größer wäre. Beispielsweise rauchen 25% der französischen Ärzt*innen, obwohl sie sich der gesundheitsschädlichen Folgen des Tabakkonsums eigentlich bewusst sind. Der größere künftige ‚Nutzen‘ eines gesunden Körpers wird gegenüber dem sofortigen ‚Nutzen‘ Genuss abgewertet, weil er in größter zeitlicher Distanz steht und damit abstrakter scheint. Wie im Folgenden erklärt, treten ähnliche Phänomene aber auch bei räumlicher Distanz zwischen Personen auf.

 

Distance Bias bei räumlicher Distanz

Social Distancing dominiert unser derzeitiges Leben – als höchstes Gebot im Kampf gegen das COVID-19-Virus hat es nicht nur unser Privatleben, sondern auch den Berufsalltag bedeutend verändert und viele von uns ins Home-Office entsandt. Stellt dies Arbeitgebende als auch Arbeitnehmende ohnehin schon vor neue Herausforderungen – wie Datensicherheit oder IT-Infrastruktur – begünstigt die soziale Distanz zusätzlich auch noch das Auftreten des Distance Bias.

Besonders in Zeiten der Heimarbeit sollten sich Führungskräfte daher bewusst sein, dass der Faktor Nähe unbemerkt Einfluss auf die Wahrnehmung und Beurteilung ihres Personals nehmen kann. So bevorzugen sie bei Personalentscheidungen wie z.B. der Verteilung von Aufgaben, oder Entwicklungschancen eventuell Mitarbeitende die ihnen physisch nahe sind. Etwa jene, die bei ihnen im Büro sitzen, gegenüber anderen, die ausschließlich von zuhause arbeiten und damit weniger „greifbar“ scheinen. Dieser Bias könnte daher vor allem gegenüber Arbeitnehmer*innen, wie Frauen oder arbeitenden Eltern auftreten, die ohnehin schon durch Gender Bias und Vorurteile belastet werden.

 
So verringern Sie die negativen Effekte des Distance Bias

Da der räumliche Distance Bias zu unvorteilhaften Personalentscheidungen führen kann und die Zusammenarbeit im Team stört, sollte versucht werden, ihn bestmöglich zu reduzieren. Folgende Tipps können dabei helfen:

  • Seien Sie sich über Ihre Unconscious Biases im Klaren. Das ist der erste wichtige Schritt. Schaffen Sie Bewusstsein für den Distance Bias und andere seiner Art.
  • Halten Sie regelmäßige Videokonferenzen mit Ihren Mitarbeitenden, die im Home Office arbeiten. Diese helfen den Distance Bias abzuschwächen und sind in Zeiten von Isolation ohnedies wichtig, um das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Inklusion im Unternehmen zu stärken.
  • Teilen Sie die Agenda der nächsten Videokonferenz bereits im Vorfeld mit allen Teilnehmer*innen. Dies hilft Ihnen, sich alle Mitarbeiter*innen ins Gedächtnis zu rufen (Priming) und gibt darüber hinaus allen die Möglichkeit sich vorzubereiten und entsprechenden Input beizusteuern.
  • Farthest Person First: Bitten Sie bei virtuellen oder hybriden Besprechungen und Feedback-Runden als erstes die Mitarbeiter*innen um ihre Meinung, die am weitesten von der Zentrale entfernt arbeiten.
  • Nutzen Sie digitale Tools wie Menti, Miro oder Kahoot. Diese ermöglichen es, auch Personal im Home-Office bei Brainstorming-Einheiten teilhaben zu lassen.

 

Soziale Distanz wird unseren Arbeitsalltag wohl noch einige Zeit lang prägen. Mit den zuvor beschriebenen Maßnahmen können Sie aber etwaige negative Effekte des Distance Bias verringern.

 

Weiterführendes

  • Ahmed, Ali (2007): Group identity, social distance and intergroup bias. In: Journal of Economic Psychology. Volume 28, Issue 3.S. 324-337. doi: https://doi.org/10.1016/j.joep.2007.01.007
  • Ellingrud, Kweilin et al. (2020): Diverse employees are struggling the most during COVID-19—here’s how companies can respond. https://www.mckinsey.com/featured-insights/diversity-and-inclusion/diverse-employees-are-struggling-the-most-during-covid-19-heres-how-companies-can-respond
  • Lieberman, Matthew/ Rock, David/ Grant Halvorson, Heidi/ Cox, Christine (2015): Breaking Bias Updated: The Seeds Model™. In: NeuroLeadershipJOURNAL. Volume 6.
  • Rock, David/ Bauer, Ted (2020): Make the Most of Virtual Meetings by Learning to Reduce Your ‘Distance Bias’. https://neuroleadership.com/your-brain-at-work/beating-telework-bias-habits/

 

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