Blind Spot Bias – Der Bias im toten Winkel

von | 25. 03. 2022

Warum wir oft die Einflüsse von Unconscious Biases auf uns selbst nicht erkennen.

 

Kognitive Verzerrungen (engl. Unconscious Biases) haben weitreichende Konsequenzen in unserem Leben. Sie können zu diskriminierenden Verhalten gegenüber anderen Menschen führen, aber auch zu schlechten unternehmerischen Entscheidungen.

Besonders problematisch ist, dass wir uns der Einflüsse dieser Verzerrungen auf unser Verhalten nicht immer bewusst sind und sie bei uns selbst meist abstreiten. Der Blind Spot Bias beschreibt diese Tendenz verzerrende Einflüsse auf uns selbst nicht zu erkennen, selbst wenn wir gegenteilige Information erhalten. Gleichzeitig überschätzen wir diesen Einfluss bei anderen Menschen, besonders wenn diese eine andere Meinung zu einem gewissen Thema vertreten, was häufig zu einer Konfliktspirale führen kann, welche einen konstruktiven Diskurs verhindert (Pronin, 2007). Doch wie entsteht dieser tote Winkel für die eigenen Verzerrungen?

 

Introspektionsillusion und naiver Realismus – die Entstehung des Blind Spot Bias

Da viele kognitive Verzerrungen als nicht wünschenswert gelten, wollen wir nicht mit ihnen assoziiert werden. Dieses Motiv der Selbststeigerung ist ein Grund, warum wir den Einfluss kognitiver Verzerrungen bei uns selbst nicht bemerken bzw. nicht bemerken wollen, jedoch reicht dieses Motiv nicht zur vollständigen Erklärung des Blind-Spot-Bias aus (Pronin, 2007).

Wenn wir unser eigenes Verhalten und Denken verstehen wollen, nützen wir häufig Introspektion, also eine bewusste Reflexion über unsere Beweggründe. Dabei kann es zu einem Ungleichgewicht kommen, sodass Informationen aus der Introspektion (z. B. Gedanken, Gefühle, Motive) im Vergleich zu objektiveren Informationen (z. B. Kontext, konkretes Verhalten) stärker gewichtet werden. Diese Überbewertung der Introspektion wird auch als Introspektionsillusion bezeichnet und kann dazu beitragen, dass verzerrende Einflüsse nicht mitbedacht werden, wenn wir unser Selbst reflektieren. Gleichzeitig bewerten wir das Verhalten anderer Menschen als stärker von Verzerrungen beeinflusst, da uns hier Informationen z. B. über Motive und Gefühle nicht zugänglich sind (Ehrlinger et al., 2005).

Da Objektivität eine sozial erwünschte Eigenschaft ist, fällt es uns schwer, unsere eigenen Verzerrungen und Befangenheiten zu erkennen und einzugestehen. Wir gehen gerne davon aus, dass wir die Welt objektiv richtig wahrnehmen und Personen, welche unserer Meinung widersprechen, von irrationalen Verzerrungen beeinflusst sein müssen. Vor allem, wenn wir über viel Erfahrung und Kompetenz verfügen, glauben wir, dass uns unsere Expertise vor Voreingenommenheit schützt. Da aber sämtliche Menschen von den verschiedensten Verzerrungen beeinflusst werden und eine vollständig objektive Sicht der Welt damit unmöglich ist, wird diese Überzeugung naiver Realismus genannt (Pronin et al., 2004).

 

Raus aus dem toten Winkel – Mittel gegen den Blind Spot Bias

Ein erster Schritt ist, sich die Einflüsse kognitiver Verzerrungen und der Schwierigkeit diese zu erkennen, bewusst zu machen. Jedoch haben verschiedene Studien gezeigt, dass die bloße Information über den Blind-Spot-Bias nicht ausreicht, um seinen Einfluss abzumildern (McPherson-Frantz, 2006). Wer sich seines toten Winkels bewusst ist, kann aber aktiv die Perspektiven und Meinungen anderer in Entscheidungsprozesse einbeziehen und dessen Effekte dadurch abfedern (Page, 2009).

Gleichzeitig ist es wichtig Personen über die Grenzen ihrer Introspektion aufzuklären. Pronin und Kugler (2007) konnten nachweisen, dass eine derartige Aufklärung über die Tücken der Introspektion den Blind-Spot-Bias deutlich abmildert. Ebenfalls ist es nicht nur wichtig zu verstehen, dass kognitive Verzerrungen einen Einfluss auf das eigene Denken und Handeln haben können, sondern auch, dass dies vornehmlich unbewusst geschieht und somit der Introspektion nicht direkt zugänglich ist.

Sich selbst als naiven Realisten zu erkennen und zu verstehen, dass wir die Welt nicht immer vollständig objektiv wahrnehmen können, ist ein weiterer wichtiger Schritt, um sich den Einflüssen kognitiver Verzerrungen zu entziehen. Anti-Bias-Trainings (Link: https://www.anti-bias.eu/angebote/unconscious-bias-trainings-workshops/) sind sehr hilfreich, um nicht nur spezifische Verzerrungen zu vermeiden, sondern auch in Zukunft eine objektivere Sichtweise auf das eigene Denken, Handeln und dessen Auswirkungen zu erlangen (Pronin, 2007).

 

 

Der Begriff „Blind Spot“ bzw. „blinder Fleck“ ist umgangssprachlich sehr geläufig, aber durchaus problematisch. Das Attribut Blindheit wird hier als Mangel hervorgehoben: es drückt aus, dass man etwas nicht sieht und daher auch nicht versteht. Auch wenn es den blinden Fleck im Auge tatsächlich gibt, die metaphorische Verwendung dieses Begriffs suggeriert, dass Blindheit eine lückenhafte Wahrnehmung mit sich bringt, während das Sehen eine „korrekte“ Wahrnehmung ermöglicht. Implizit wird also die Wahrnehmung blinder Menschen abgewertet. Im Deutschen bietet es sich an, statt „blinder Fleck“ die Begriffe „toter Winkel“ oder „Wahrnehmungslücken“ zu verwenden.

 

 

Weiterführendes und Quellen:

 

  • Ehrlinger, J., Gilovich, T., & Ross, L. (2005). Peering Into the Bias Blind Spot: People’s Assessments of Bias in Themselves and Others. Personality and Social Psychology Bulletin, 31(5), 680–692. https://doi.org/10.1177/0146167204271570
  • McPherson Frantz, C. (2006). I AM Being Fair: The Bias Blind Spot as a Stumbling Block to Seeing Both Sides. Basic and Applied Social Psychology, 28(2), 157–167. https://doi.org/10.1207/s15324834basp2802_5
  • Page A., (2009). Unconscious Bias and the Limits of Director Independence, U. Ill. L. Rev. 237–294.
  • Pronin, E. (2007). Perception and misperception of bias in human judgment. Trends in Cognitive Sciences, 11(1), 37–43. https://doi.org/10.1016/j.tics.2006.11.001
  • Pronin, E., Gilovich, T., & Ross, L. (2004). Objectivity in the Eye of the Beholder: Divergent Perceptions of Bias in Self Versus Others. Psychological Review, 111(3), 781–799. https://doi.org/10.1037/0033-295X.111.3.781
  • Pronin, E., & Kugler, M. B. (2007). Valuing thoughts, ignoring behavior: The introspection illusion as a source of the bias blind spot. Journal of Experimental Social Psychology, 43(4), 565–578. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2006.05.011
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