Recency Effekt – Warum der letzte Eindruck täuschen kann

Recency Effekt – Warum der letzte Eindruck täuschen kann.

 

Serial Position Effect

Serial Position Effect (Quelle: Wade, C. und Tarvis, C.: Psychology, New Jersey, 2005)

Der Recency Effekt (dt. Rezenzeffekt) ist der Antagonist zum Primacy Effect (dt. Primäreffekt). Letzterer besagt, dass der erste Eindruck zählt, wobei beim Recency Effekt die jüngsten und somit letzten Informationen gegenüber anderer eingehender Informationen bevorteilt werden.

Denken Sie zum Beispiel an einen Kinobesuch bei dem der Großteil des Films eher langweilig und schleppend verlief. Doch der Twist am Ende begeistert Sie und Sie empfehlen den Film Ihren Freund_innen weiter. Oder bei einem Restaurantbesuch hat die Bestellung sehr lange auf sich warten lassen, aber eine Entschädigung mit einem Digestif lässt Sie dies vergessen.

Der Recency Effekt betrifft insbesondere das Kurzzeitgedächtnis. Die letzten Informationen sind noch nicht überschrieben worden und bleiben daher in Erinnerung. Im Gegensatz dazu geht der erste Eindruck leichter ins Langzeitgedächtnis über, da diese Information mit keiner anderen interferieren kann. Je nach Situation und Ausprägung überwiegt entweder der eine oder andere Effekt.

 

Der erste Eindruck zählt – der letzte Eindruck bleibt

Auch im beruflichen Umfeld haben der Primacy- und der Recency Effekt eine große Bedeutung. Wenn Sie beispielsweise einen neuen Kandidaten oder eine neue Kandidatin interviewen, kann der erste Eindruck Ihre Wahrnehmung und spätere Beurteilung übermäßig beeinflussen. Wenn Sie jedoch mehrere Kandidat_innen nacheinander interviewen und erst danach eine Beurteilung erfolgt, wird der Rezenzeffekt eine größere Rolle einnehmen.

Ein anderes oft folgenreiches Beispiel des Recency Effekt kann der einmalige Fehler eines Mitarbeiters sein. Trotz sehr guter Arbeit über viele Jahre wird der nun aufgetretene Lapsus überbewertet und dieser bestimmt seine Leistungsbeurteilungen über lange Zeit.

 

Wo wird der Recency Effekt bewusst eingesetzt?

Im Verkauf, Marketing oder bei professionellen Redner_innen findet man diesen Effekt oft in Perfektion. Stellen Sie sich einen Dialog zwischen einer Verkäuferin und einem Kunden vor. Die Verkäuferin wird sich das stärkste Kaufargument bis zum Ende aufheben, damit es dem Kunden lange im Gedächtnis bleibt und dieser zum Kauf angeregt wird. Ein weiteres Beispiel sind auch Werbeeinschaltungen bzw. Spots vor Filmen. Spots, die direkt vor den Spielfilmen abgespielt werden, bleiben besser in unserem Gedächtnis.

 

So reduzieren sie den Recency Effekt bei Personalbeurteilungen
  • Eindrücke in der Mitte bleiben wenig haften. Beurteilen Sie daher Menschen und Situationen nicht nach dem ersten oder letzten Eindruck.
  • Machen Sie sich Notizen oder vergeben Sie Noten während des gesamten Beobachtungszeitraums (Interviewzeit, Arbeitsjahr usw.) und berechnen Sie im Nachhinein den Durchschnitt.
  • Planen Sie eine Beobachtung von Bewerber_innen. Erstellen Sie eine Dramaturgie der Aufgaben, die variieren und die zu Beurteilenden in unterschiedlichen Situationen zeigen.
  • Beurteilen Sie Kandidat_innen nebeneinander statt nacheinander. Dadurch wird der Fokus auf individuelle Leistungen gelegt und viele kognitive Verzerrungen (engl. Unconscious Biases) werden reduziert.

 

Weiterführendes:

  • Atkinson, R.C. & Shiffrin, R.M. (1968). Human Memory: A Proposed System and Its Control Processes. In: K.W. Spence & J.T. Spence (Hrsg.): The Psychology of Learning and Motivation. Vol 2. New York: Acad. Press.
  • Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Rezenzeffekt
  • Rolf Dobelli (2012): Klarer Denken. Warum der erste Eindruck zählt. In: DIE ZEIT Nr. 24/2012