Kann gendergerechte Sprache Vorurteile verringern?

Hat gendergerechte Sprache tatsächlich Einfluss auf unsere (unbewussten) Vorurteile und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten? Ein Blick auf die empirische Forschung hilft diese Frage zu beantworten.

 

Kaum ein Thema führt so zuverlässig zu hitzigen Diskussionen, wie die Frage ob gendergerechte Sprache tatsächlich zur Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern beiträgt. Befürworter*innen verweisen darauf, dass Sprache die Art und Weise wie wir unsere Welt wahrnehmen grundlegend mitgestaltet. Wird z.B. überwiegend von Ärzten in der männlichen Form gesprochen, formt sich das Bild des Arztes als Beruf für welchen hauptsächlich Männer qualifiziert sind, eine ungerechtfertigte Unterrepräsentation von Frauen in diesem Berufsfeld ist die Folge (Vervecken et al., 2013).

Gegner*innen der gendergerechten Sprache, sehen durch diese die Leserlichkeit und Ästhetik der Sprache gefährdet. Auch wird gerne argumentiert, dass eine Änderung der Sprache nichts an „größeren“ Problemen wie Lohngerechtigkeit ändert.

 

Sprachen im Vergleich – empirische Forschungen

Eine Möglichkeit den Einfluss von Sprache auf unsere Einstellung zu Geschlechtergleichstellung zu untersuchen, bietet der Vergleich von Personen deren Muttersprache den Einsatz eines grammatikalischen Geschlechts unterschiedlich häufig bedingt. In diesem Sinne verglichen Perez und Tavits (2018) 1200 Personen, die sowohl Estnisch, eine Sprache, die weitestgehend auf die Zuweisung eines Geschlechts verzichtet, als auch Russisch, eine stark gegenderte Sprache, beherrschten. Vor einer Messung der Stärke ihrer Vorurteile bezüglich des Geschlechts, wurden die Proband*innen entweder auf Estnisch, oder auf Russisch interviewt. Wie angenommen zeigten Personen, welche zuvor in der weniger gegenderten Sprache (Estnisch) interviewt wurden, eine deutlich geringere Ausprägung geschlechtsbezogener Vorurteile.

In der gleichen Studie wurde mit Hilfe der World Value Survey und des World Atlas of Language Structures ein Vergleich zwischen 90 Ländern vorgenommen. Auch hier zeigte sich, dass Personen deren Muttersprache weniger geschlechtsbezogene Zuweisungen hat mit geringerer Wahrscheinlichkeit auch geschlechtsbezogene Vorurteile äußerten.

 

Hen – Ein geschlechtsneutrales Pronomen als Versuch

Eine bis dato einzigartige Möglichkeit den Einfluss der Sprache auf unsere Vorurteile zu untersuchen ergab sich in Schweden. Hier wurde 2012, zusätzlich zu den geschlechtsspezifischen Han („Er“) und Hon („Sie“) das geschlechtsneutrales Pronomen Hen eingeführt.
Tavits und Perez (2019) ließen Proband*innen eine Grafik beschreiben, auf der eine Person unklaren Geschlechts abgebildet war, dabei wurde eines der drei Pronomen (Han, Hon, oder Hen) vorgegeben. Nach dieser Aufgabe sollten die Proband*innen eine Geschichte über eine politische Person fortsetzen und dieser einen Namen geben. Auch wurde die Einstellung der Probanden zu Frauen und LGBT-Personen abgefragt.

Personen die das weibliche oder neutrale Pronomen verwenden mussten, gaben der Person in der Geschichte deutlich häufiger einen weiblichen bzw. einen geschlechtsneutralen Namen, auch zeigten sie sich offener gegenüber Frauen und toleranter gegenüber Menschen mit anderer sexueller Orientierung, als jene Personen die das männliche Pronomen verwenden mussten.

 

Gendergerechte Sprache – Ein vielversprechender Weg

Gendergerechtere Sprache im Alleingang wird die Ungleichheiten der Geschlechter in unserer Welt wohl nicht beseitigen. Doch ist ihr Einsatz, wie dieser kleine Ausschnitt aus der empirischen Forschung dazu nahelegt, ein vielversprechender Weg zu mehr Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern. Anfängliche Skepsis und Kritik sollten dem Versuch einer gerechteren Sprache nicht im Weg stehen, denn auch die Einführung von Hen wurde von der schwedischen Bevölkerung zunächst äußerst negativ gesehen. Binnen zwei Jahre nach der Implementierung kehrte sich diese Skepsis allerdings in breite Akzeptanz um und auch die Verwendung von Hen im Alltag steigt von Jahr zu Jahr (Gustafsson-Sendén, Bäck, & Lindqvist, 2015).

 

Weiterführendes:

  • Gustafsson-Sendén, M., Bäck, E. A., & Lindqvist, A. (2015). Introducing a gender-neutral pronoun in a natural gender language: the influence of time on attitudes and behavior. Frontiers in Psychology, 6.
  • Pérez, E. O., & Tavits, M. (2018). Language Influences Public Attitudes toward Gender Equality. The Journal of Politics, 81(1), 81–93.
  • Tavits, M., & Pérez, E. O. (2019). Language influences mass opinion toward gender and LGBT equality. Proceedings of the National Academy of Sciences, 116(34), 16781–16786.
  • Vervecken, D., Hannover, B., and Wolter, I. (2013). Changing expectations: how gender-fair job descriptions impact children’s perceptions and interest regarding traditionally male occupations. J. Vocat. Behav.
  • Gendergerechte Sprache Pro und Contra von NDR Kultur:
    https://www.ndr.de/kultur/Gendergerechte-Sprache-Pro,gedankenzurzeit1440.html
    https://www.ndr.de/kultur/Gendergerechte-Sprache-Contra,gedankenzurzeit1442.html