Individuation – auf die Einzigartigkeit jedes Menschen fokussieren

Die Methode der Individuation hilft, einer durch Stereotypen verzerrten Wahrnehmung von Personen entgegenzuarbeiten. 

 

Um uns schneller in unserer Umwelt zurecht zu finden, gruppieren wir Individuen anhand verschiedener Kategorien wie Alter, Geschlecht, Beruf, Ethnie uvm.  Zugleich ordnen wir diesen Personengruppen bestimmte Eigenschaften zu, die sogenannten Stereotypen.

Diese kategoriebasierte Eindrucksbildung erleichtert uns den Alltag, doch der Blick auf die individuelle Person wird damit meist verstellt. Die Methode der Individuation macht genau das Gegenteil. Hierbei werden anstelle von Kategorien und Stereotypen, die individuellen Attribute einer Person in den Vordergrund gestellt.

 

Systeme der Eindrucksbildung und die Methode der Individuation

Sowohl Brewer (1988) als auch Fiske und Neuberger (1990) haben Modelle der Urteilsbildung entwickelt. Beide Modelle unterscheiden zwischen dem automatischen (unbewussten) und dem kontrollierten (bewussten) Vorgang der Urteilsbildung.

Brewer (1988) beschreibt in ihrem Modell den automatischen, kategoriebasierten Top Down Prozess und den auf bewusster Ebene stattfindenden, personalisierten Bottom Up Prozess. Brewer führt dazu das Beispiel von Janet, einer Krankenschwester an. Im Top Down Prozess wird Janet bei der ersten Begegnung der Überkategorie Krankenschwester mit den darin gespeicherten Attributen untergeordnet. Beim Bottom Up Prozess dagegen, wird Janet als Individuum wahrgenommen und ihr Beruf ist lediglich eine Unterordnung ihrer Person. Der Bottom Up Prozess, und somit die Individuation, kommt allerdings nur dann zu Anwendung, wenn der Zielperson besonderes Interesse oder Relevanz zugesprochen wird.

Fiske und Neuberg haben im Jahr 1990 ebenfalls ein Konzept der Urteilsbildung entwickelt – das Kontinuum-Modell. Dieses beschreibt, ähnlich wie das Modell von Brewer, dass wir Personen bei unserer ersten Begegnung automatisch in bereits gespeicherte vorhandene soziale Kategorien einordnen. Wenn diese Gruppierung nicht erfolgreich ist oder wenn eine bewusste Form der Informationsverarbeitung stattfindet, kommt es zur Individuation. Mit dieser schrittweisen Einordnung wird die Person dann als eigenes Individuum mit individuellen Merkmalen und Eigenschaften gesehen. Auch Fiske und Neuberger heben hervor, dass für Letzteres Motivation und bewusste Aufmerksamkeit notwendig sind.

Mehrere Studien heben hervor, dass Prozesse einer Individuation auch bewusst herbeigeführt werden können. Qian (Qian et al, 2017) testete dies beispielsweise bei Kindern. Diese mussten auf Bildern Mitglieder unterschiedlicher ethnischer Gruppen identifizieren. Ein danach ausgeführter Implizit Association Test (IAT-Test) zeigte, dass die impliziten Biases der Kinder dadurch reduziert wurden.

 

Individuation in Intergruppenprozessen

Die Individuation als Form der Dekategorisierung ist vor allem im Zusammenhang mit Prozessen zwischen In- und Out-Groups (Eigen- und Fremdgruppen) von großer Relevanz. Mitglieder einer Out-Group, also einer selbst nicht angehörigen Gruppe, werden oftmals nicht als Individuen wahrgenommen, sondern als undifferenzierte Elemente, die austauschbar sind („Die sind alle irgendwie gleich“). Dieses in der Fachliteratur als Fremdgruppen-Homogenitäts-Effekt beschriebenes Phänomen führt auch dazu, dass die Konzentration auf die Unterschiede zur eigenen In-Group gelegt und Diskrimination gefördert wird.

Die Individuation verringert Vorurteile und Konflikte zwischen Gruppen. Je mehr Gruppenmitglieder als Einzelpersonen gesehen werden, desto weniger wichtig ist ihre Gruppenzugehörigkeit.

 

Praxistipp: Jeder Mensch ist einzigartig!

Seien Sie sich dessen bewusst, dass der erste Eindruck verzerrt ist. Lassen Sie sich Zeit, bevor Sie ein Urteil über eine Person fällen. Leiten Sie eine bewusste Individuation ein, indem Sie stereotype Wahrnehmungen hinterfragen und konkrete Infos über die Person einholen.

Automatische Stereotype können auch reduziert werden, indem Sie Mitglieder einer Fremdgruppe untereinander vergleichen. Achten Sie auf deren Unterschiede und legen Sie den Fokus auf die Einzigartigkeit jedes Menschen.

 

Eine andere Methode, automatischen Stereotypen entgegenzuwirken, ist –> Counterstereotype Imaging.

 

 

Quellen und Weiterführendes:

  • Brewer, M. B. (1988). A dual process model of impression formation. In T. K. Srull & S. Wyer (Hrsg.), Advances in Social Cognition (Bd. 1, S. 1-36). Hillsdale, NJ: Erlbaum
  • Brewer, M. B. (1998). Category-based vs. Person-based Perception in Intergroup Contexts. In European Review of Social Psychology Journal (Vl. 9, S. 77-106)
  • Fiske, S. T. & Neuberg, S. L. (1990). A continuum of impression formation, from category-based to individuating processes: Influences of information and motivation  on  attention  and  interpretation.  In  M.  P.  Zanna  (Hrsg.). Advances  in experimental social psychology (Bd. 23, S. 1-74). New York: Academic Press
  • Levin, M. J.  & Hogg, M. A. (2010). Group Processes & Intergroup Relations. California: SAGE Publications
  • Qian, M. K., Quinn, P. C., Heyman, G. D., Pascalis, O., Fu, G., & Lee, K. (2017). Perceptual individuation training (but not mere exposure) reduces implicit racial bias in preschool children. Developmental psychology, 53(5), 845-859.