Nudging in der betrieblichen Gesundheitsförderung – Ein Stups zu gesünderen Mitarbeitenden

Wie der Einsatz von verhaltensökonomischen Interventionen zur Gesundheitsförderung Ihrer Mitarbeitenden beitragen kann.

 

Je gesünder die Mitarbeitenden, desto gesünder auch das Unternehmen. Dies unterstreichen auch Erhebungen des Netzwerk Betriebliche Gesundheitsförderung und der WKÖ – Wirtschaftskammer Österreich. Gesundheitsfördernde Maßnahmen führen zu bedeutenden Wettbewerbsvorteilen wie gesteigerter Mitarbeiter*innenzufriedenheit und -motivation, Reduktion von Fehlzeiten sowie einer Verminderung von Krankenständen und Fluktuation. Dass es sich bei Anstrengungen zur betrieblichen Gesundheitsförderung um eine Win-Win Situation für beide Seiten, Arbeitnehmende sowie Arbeitgebende, handelt, scheint offensichtlich. Wieso aber kann Nudging in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle spielen?

Stiegen oder Lift? Schokoriegel oder Fruchtbecher? Im Arbeitsalltag treffen Mitarbeitende zahlreiche Entscheidungen, die ihre Gesundheit maßgeblich beeinflussen. Besonders körperliche Aktivität und die Ernährung betreffende Entscheidungen sind aber oftmals anfällig für Heuristiken und Biases, also mentale Shortcuts und Denkfehler. So ist beispielsweise der sogenannte Gegenwarts-Bias ausschlaggebend dafür, dass Menschen gegenwärtige Kosten und Nutzen stärker gewichten als zukünftige. Vereinfacht und anhand des eingangs erwähnten Beispiels dargestellt, würden sich Personen also eher für den Lift entscheiden. Als zügigere und bequemere Variante verspricht dieser gegenwärtig einen größeren Nutzen als Treppen zu steigen. Der bedeutende zukünftige Nutzen, der sich aus einer regelmäßigen Benutzung der Stiegen ergeben kann, scheint abstrakt sowie in ferner Zukunft und ist damit im Moment der Entscheidung auch nicht ausschlaggebend.

Der Einsatz von innovativen Nudges kann helfen, solchen Biases gegenzusteuern und dadurch gesündere Entscheidungen der Mitarbeitenden herbeizuführen – auch ohne hohe finanzielle oder zeitliche Ressourcen. Folgende Best-Practice-Beispiele zeigen wie.

 

Ein Stups zu mehr Bewegung am Arbeitsplatz

Ein Unternehmen im Bereich der Security-Lösungen stellte fest, dass die Fehlzeiten des Personals stiegen und die Muskel-Skelett- und Herz-Kreislauf-Beschwerden der Mitarbeitenden über dem Branchenschnitt lagen. Da erste Analysen ergaben, dass die Beschäftigten hauptsächlich den Lift nützten, setzte sich das Unternehmen zum Ziel diese Verhaltensweisen mithilfe von Nudges zu ändern.

Dazu wurde mithilfe von „Incentives“ und „Gamification“, zwei bedeutende Wirkmechanismen des Nudgings, versucht, das Treppensteigen attraktiver zu gestalten: In der Mitte des Stiegenhauses wurde ein auffälliger Buzzer angebracht, bei dessen Auslösen jedes Mal eine kleine Summe Geld an ein Kinderhilfswerk gespendet wurde. Zahlreiche andere Begleitmaßnahmen, wie unter anderem das Anbringen von Fußabdrücken beim Stiegenaufgang sowie motivierender Aufkleber an den Stufen selbst, oder regelmäßige Erinnerungen über die firmeninterne Software sollten den Effekt der Aktion verstärken. Über eine Zusatzfunktion auf der Onlineplattform konnten sich die Mitarbeiter*innen außerdem Ziele setzen, ihre Stiegennutzung dokumentieren und sich mit anderen vergleichen. Das damit beabsichtigte „Commitment“ der Teilnehmenden gilt ebenfalls als wirkungsvoller Nudging-Mechanismus. Als weitere bewährte Nudgingtechnik wurden auch die Norm- und Vorbildfunktion genutzt, indem das Management des Unternehmens wortwörtlich mit gutem Beispiel voranging und selbst stets die Stiegen benutzte. Am Ende der 12-wöchigen Aktion sprachen die hohen Buzzerzahlen, der Rückgang der Liftbenützung sowie positive Rückmeldungen der Belegschaft für ihren Erfolg.

Auch ein anderes Unternehmen, das im Bereich der Softwareentwicklung tätig ist, machte sich den Wirkmechanismus der „Gamification“ zu Nutze, um sein Personal zu mehr Bewegung am Arbeitsplatz zu nudgen. Dafür wurde über einen längeren Zeitraum hinweg ein Schrittzählerwettbewerb im Unternehmen veranstaltet. In Teams versuchten interessierte Personen im Büroalltag mehr Schritte zu sammeln als ihre Kolleg*innen. Als Kick-Off diente ein Vortrag einer Sportwissenschaflterin und die Verteilung von gratis Schrittzählergeräten; als zusätzlicher „Incentive“ fungierte eine Siegerehrung mit Preisverleihung am Ende des Wettbewerbs. Das Unternehmen zog ein positives Resümee aus der Aktion: Eine Teilnahmequote von 75% und selbst ein halbes Jahr nach Ende des Wettbewerbs benutzten noch zahlreiche Mitarbeiter*innen ihre Schrittzähler.

 

Ein Stups zur gesünderen Ernährung am Arbeitsplatz

Auch bei einem weiteren Aspekt betrieblicher Gesundheitsförderung, der gesunden Ernährung der Mitarbeitenden im Arbeitsalltag, bieten sich hilfreiche Einsatzmöglichkeiten von Nudging. Im Sinne der Grundprinzipien des Konzeptes sollten ungesunde Speisen dafür jedoch nicht einfach vom Speiseplan gestrichen werden, da dies die Entscheidungsfreiheit und Autonomie der Mitarbeitenden erheblich einschränken würde. Stattdessen kann dem Personal mit einfachen Nudging-Interventionen wie der Präsentation und Gestaltung des Speiseangebotes zu besseren Ernährungsentscheidungen verholfen werden. So könnten Unternehmen gesunde Speisen „salienter“ machen, indem es sie beispielsweise zentraler, an verschiedenen Stellen und auf Augenhöhe platzieren, während sie gleichzeitig die Portionsgrößen ungesünderer Speisen verkleinern. Außerdem könnten die Speisepläne mit entscheidenden Nährwertangaben versehen werden, oder besser: mit einem einfachen Ampelsystem, das die Gäste noch besser unterstützt, die gesündere Speise auszuwählen. Gemüsesuppe oder Brokkolischaumsüppchen? Auch einfache und unkomplizierte Veränderungen im Framing können gesunde Speisen zur bevorzugten Alternative machen.

 

Weiterführendes

  • BGF Netzwerk (2017): So schaut’s aus! Zahlen & Fakten zur Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) in Österreich 2017. https://www.netzwerk-bgf.at/cdscontent/load?contentid=10008.676425&version=1556267984.
  • Eichhorn, Diana/ Ott, Ida (2019): Nudging im Unternehmen: Den Weg für gesunde Entscheidungen bereiten. Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung: Dresden.
  • Winkler, Gertrud (2016): Gesund essen und trinken anstupsen – Chancen des Nudging in der Gemeinschaftsverpflegung. In: Ernährungs Umschau. 3/2016, S. 162-167.
  • Thaler, Richard/ Sunstein, Cass (2009): Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Econ: Berlin.
  • Van der Meiden, Iris/ Kok, Hermann/ Van der Velde, Gerben (2019): Nudging physical activity in offices. In: Journal of Facilities Management. doi: 10.1108/JFM-10-2018-0063.