Kontakttheorie – Kontakt hilft Stereotype und Vorurteile zu reduzieren

Kontakttheorie – Kontakt fördert nicht nur den interpersonellen Austausch sondern hilft auch Stereotype und Vorurteile gegenüber Fremdgruppen zu reduzieren.

 

Um automatischen Stereotypen entgegenzuwirken, können verschiedene Strategien angewendet werden. Beschrieben haben wir bereits die Methoden der Kontrastereotypen, der Individuation und der Perspektivenübernahme. Die vierte Strategie ist die Kontakthypothese bzw. Kontakttheorie, die Inhalt dieses Beitrags ist.

 

Kontakttheorie: Treten Sie in Verbindung!

Die Kontakttheorie besagt, dass (unbewusste) Vorurteile, diskriminierendes Verhalten und abneigende Haltungen gegenüber einer Gruppe von Personen vermindert werden können, indem mit ihnen in Kontakt getreten wird. Die Interaktion mit Mitgliedern einer anderen Gruppe reicht demnach aus, um automatische Stereotype gegenüber der gesamten Personengruppe zu vermindern.

Die Kontakthypothese, die von Allport entwickelt wurde, stellt dafür vier Bedingungen auf, unter denen die Kontaktsituation besonders positive Auswirkungen auf die Reduzierung von Stereotypen und Vorurteilen hat. Diese optimalen Bedingungen sind die Kooperation (Zusammenarbeit an gemeinsamen Zielen), Begegnung auf Augenhöhe (ähnlicher Status) und wenn diese Interaktion durch Autoritäten oder Institutionen begleitet wird (Allport 1954). Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2006 konnte zeigen, dass auch dann, wenn diese optimalen Bedingungen nicht vorhanden sind, der Kontakt zu Mitgliedern sogenannter Out-Groups (Personengruppen, denen man selbst nicht angehört) Vorurteile vermindern kann (Pettigrew und Topp 2006).

Was spricht für die Kontaktthese? Einerseits besteht in der Kontaktsituation die Möglichkeit zu lernen. Dieses neu Erlernte kann dazu führen, dass negative Einstellungen überdacht werden und positive Dinge gesehen werden. Kontakt führt dazu, dass Ähnlichkeiten zu sich selbst oder zur Eigengruppe wahrgenommen werden können. Andererseits schafft Kontakt (Ver-)Bindung, die immer mit Emotionen einhergeht. Jeder Erstkontakt zwischen Gruppen ist meist mit einem Gefühl von Angst verbunden. Je länger der Kontakt andauert, desto eher nehmen diese Angst bzw. Befürchtungen im Normalfall ab (Tausch und Hewstone 2010).

 

Aktuelle Erkenntnisse und Studien

In den letzten Jahren wurden viele Forschungen zu den Wirkungen der Kontaktthese durchgeführt, insbesondere im Bereich Integration. Studien zeigen beispielsweise, dass Menschen mit Fluchthintergrund von jenen Personen, die bereits Kontakt zu Geflüchteten hatten, positiver wahrgenommen werden als von Personen, die noch keinen begegnet waren (Kotzur et al. 2017). Darüber hinaus stehen Menschen, die bereits Kontakt hatten, der Aufnahme von geflüchteten Personen und dem Bau von Flüchtlingsunterkünften positiver gegenüber.

Aus dem Jahr 2014 liegt eine Publikation vor, die sieben Einzelstudien zusammenfasst. Diese Befunde gehen einen Schritt weiter und zeigen auf, dass nicht nur der persönliche Kontakt automatische Stereotype & Ressentiments vermindern kann, sondern diese auch dann reduziert werden, wenn z.B. im eigenen Wohngebiet Kontakt zwischen ethnischen Gruppen besteht und gepflegt wird, ohne unbedingt selbst in Kontakt gewesen zu sein (Christ et al. 2014).

Ebenfalls 2014 hat eine Studie von britischen Forschern interessante Erkenntnisse in einem anderen Bereich hervorgebracht. Sie untersuchten die Veränderung homophober Einstellungen nach einem Gedankenexperiment. Dazu sollten sich die an der Studie teilnehmenden Männer ein Treffen mit einem ihnen unbekannten schwulen Mann vorstellen, mit dem sie ein entspanntes Gespräch führten. Ihren Ergebnissen nach wurde die homophobe Einstellung allein durch die Kontaktvorstellung reduziert. Demnach reicht sogar die reine Vorstellung einer Kontaktsituation mit einer stereotypisierten Person, um Vorurteile zu mindern (West et al. 2015).

 

Praxistipp: Seien Sie offen und nutzen Sie Kontaktmöglichkeiten!

Schaffen Sie in Ihrem Unternehmen die Möglichkeit des in Kontakt-Tretens und etablieren Sie regelmäßige persönliche Get-togethers mit anderen Abteilungen. Diese fördern den persönlichen Austausch, um ein gutes Auskommen miteinander sicherzustellen und können Vorurteile gegenüber den „ITlern“, „den Vertrieblern“ oder anderen stereotypisierten Gruppen innerhalb einer Unternehmensstruktur vermindern. Auch Buddy-Systeme oder Diversity-Mentoring-Programme helfen die Beziehungen zu verbessern.

Führen Sie regelmäßig Gedankenexperimente durch, wenn Sie merken, dass Sie in stereotypenbasiertes Denken rutschen. Stellen Sie sich vor, wie Sie in Kontakt mit einer Person einer Fremdgruppe treten und wie diese Situation aussehen könnte. Wenn eine direkte Kontaktmöglichkeit besteht, scheuen Sie sich nicht, diese auch zu nutzen!

 

 

Andere Methoden, um automatischen Stereotypen entgegenzuwirken sind:

 

 

Quellen und Weiterführendes

  • Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Oxford, UK: Addison-Wesley
  • Christ, O. et al. (2014). Contextual effect of positive intergroup contact on outgroup prejudice. PNAS Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. 111,  3996-4000
  • Kotzur, P., Schäfer, S., & Wagner, U. (2017). Meeting the nice refugee: Intergroup contact changes stereotype content perceptions. Manuscript in preparation.
  • Pettigrew, T.F., & Tropp, L.R. (2000). Does Intergroup Contact Reduce Prejudice? Recent Meta-Analytic Findings. In S. Oskamp (Ed.), Reducing prejudice and discrimination (pp. 93-114). New Jersey: Lawrence Erlbaum Associates.
  • Pettigrew, T. F. & Tropp, L. R. (2006). A meta-analytic test of intergroup contact theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90, 751–783.
  • Tausch, N. & Hewstone, M. (2010). Intergroup contact and prejudice. In J. F. Dovidio, M. Hewstone, P. Glick & V. M. Esses (Eds.), The Sage handbook of prejudice, stereotyping, and discrimination (pp. 544-560). Newburg Park, CA: Sage.
  • West, K., Husnu, S. & Lipps, G. Sex Res Soc Policy (2015) 12: 60.