Die Sache mit den Schubladen

Die Sache mit den Schubladen

Gastbeitrag von Ira Heinzl – Autorin, Organisatorin von Kunst- und Kulturevents

 

Der Begriff „Unconscious Bias“ stammt aus dem Englischen und bezeichnet die unbewussten Stereotypen, die in unserer Vorstellung vorhanden sind. Bis zu einem gewissen Grad sind diese sogar sinnvoll, um unsere Umwelt schneller sortieren zu können, eventuell auch Gefahren wahrzunehmen und es würde unsere Gehirne schlichtweg überlasten, wenn wir alles und jedes das uns tagtäglich begegnet komplett neu analysieren und einordnen müssten.

Allerdings passiert es dadurch auch oft, dass wir mit unseren Vorurteilen andere Menschen in Schubladen stecken. So gibt es vorgefasste Meinungen zu verschiedenen Personengruppen, wie etwa Menschen mit Migrationshintergrund, mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, Lesben und Schwule oder eben – und damit wollen wir uns in diesem Artikel befassen – Frauen.

Durch unbewusste Vorstellungen werden den verschiedenen Personengruppen unterschiedliche Attribute zugeordnet. Diese können sowohl positiv als auch negativ ausfallen. So kann man/frau moslemische Männer für Terroristen, dunkelhäutige Menschen für Drogendealer, lesbische Frauen für Männerhasserinnen halten. Oder aber auch gute Eigenschaften unterstellen, wie dass dunkelhäutige Menschen wunderbar singen können oder Frauen die sensibleren Menschen sind.

Je nachdem wie reflektiert ein Mensch ist, werden diese Bias nun mehr oder weniger bewusst oder unbewusst nach Außen getragen.

 

Frauen, Karriere und Hormone

Erst kürzlich hatte ich ein Telefongespräch mit einer befreundeten Musikerin, die sich darüber wunderte, welche Fragen ihr in einem Interview gestellt wurden. So wollte der Interviewer von ihr wissen, wie es denn für sie so sei – sie wisse schon – als Frau in der Musikbranche. Nein, sie wusste nicht. Sie mache Musik eher so als Mensch.

Als sie die Frage ob sie sich eine Musikkarriere vorstellen könne mit „ja“ beantwortete, wurde ihr unterstellt, ah, dann wollen sie sicher keine Kinder. Natürlich nicht, Karriere und Kinder lassen sich doch für Frauen unmöglich unter einen Hut bringen, das funktioniert doch nur bei Männern, natürlich weil sich die Frau um die Kinder zu kümmern hat, das liegt ja immerhin in ihrer Natur und muss folglich auch ihrem Willen entsprechen. Denn wehe, wenn frau ihrer Karriere den Vorzug gibt.

So kam letztens ein Bekannter auf mich zu, in ziemlich gedrückter Stimmung, und erklärte mir, dass er wahrscheinlich kündigen müsse. Auf die Frage nach dem Warum kam die Antwort: „Weil ich jetzt eine Frau als Chefin bekomme.“Man wisse ja, wie Frauen in Führungspositionen so sind, einfach furchtbar, asozial und launisch. Letzteres ist wohl den Hormonen geschuldet. So wird Frauen, wenn sie schlechte Laune haben ja oft von Männern unterstellt an PMS zu leiden oder gerade ihre Tage zu haben, wohingegen Männer immer einen guten Grund für ihre Stimmung haben. Im weiteren Gespräch stellte sich dann heraus, dass diese Vorgesetzte auch noch schwanger war, allerdings wollte sie nicht in Karenz gehen, das wollte sie ihrem Mann überlassen, da sieht man doch schon, was das für eine ist, nur mal kurz ins Krankenhaus werfen und dann wieder zurück an den Schreibtisch, eine echte Rabenmutter eben.

 

Die Kinderfrage

Als wäre dies nicht schon an und für sich eine schwierige Frage für die Einzelperson, gibt es zu diesem Thema eine Unzahl an Fragen, die auf Frauen losgelassen werden.

Haben Sie Kinder? Warum nicht? Wollen Sie keine? Haben Sie etwas gegen Kinder? Wünschen Sie sich noch Kinder? Wieviel Kinder wollen Sie denn? Warum haben Sie bis jetzt keine Kinder bekommen? Hat es Vorteile eine junge/alte Mutter zu sein? Haben Sie ihre Kinder so früh geplant? Haben Sie ihre Kinder so spät geplant? Wollen Sie noch ein Kind? Bereuen Sie, keine Kinder zu haben? Hätten Sie sich Kinder gewünscht? Hätten Sie gerne mehr Zeit für ihre Kinder? Wie vereinbaren Sie Kinder und Beruf? Warum sind Sie so früh wieder arbeiten gegangen? Warum haben Sie sich so lange Zeit gelassen um wieder arbeiten zu gehen?

Diese Liste der Fragen rund ums Kinderkriegen ließe sich wahrscheinlich bis ins Endlose erweitern. Und wie man sieht, ist es wohl ziemlich egal, wie man es als Frau macht, es wirft nur noch mehr Fragen auf, die es zu beantworten gilt. Ich glaube nicht, dass Männer sich in einem Interview oder auch privat dergleichen gefallen lassen müssen.

Eine Frage, die hingegen weniger gestellt wird ist folgende: „Bereuen Sie es Kinder bekommen zu haben?“ Denn laut Studie der israelischen Soziologin Orna Donath „Regretting Motherhood“ gibt es auch solche Frauen. Die ist allerdings ein Gedanke, der in Österreich weithin abschreckend ist, ja, nicht auszusprechen. Was ist frau nur für eine Mutter, wenn sie zugibt, lieber keine Kinder gehabt zu haben.

 

Eine Dame fragt man nicht nach dem Alter …

Für Frauen gibt es ohnehin nur zwei Altersstufen, die eine ist jung, die andere alt. Die Grenze dürfte wohl so bei 35 liegen, hängt aber stark mit dem Aussehen der Person zusammen. Natürlich gibt es Frauen mit 30 von denen man sagt: „Die schaut ja schon ziemlich alt aus!“ Mit 40 heißt es eher: „Die schaut ja noch ganz gut aus für ihr Alter. Die Betonung liegt hier auf dem NOCH. Als wäre es nur eine Frage von Stunden, in denen sich die noch ganz gutaussehende Frau in ein Monster verwandelt, das sein wahres Alter offenbart. Vielleicht könnten wir es aber auch so halten wie in Houellebecqs Möglichkeit einer Insel, wo sich Frauen mit 30 gleich selbst suizidieren um dem nicht aufzuhaltendem Verfall, der mit dem Alter unweigerlich eintritt, zu entkommen.

Männer hingegen werden nicht alt, nein, sie werden reif, reicher an Lebenserfahrung und sehen dann erst recht sexy aus.

 

… oder nach dem Gewicht

Ein Mann ohne Bauch ist

  • wie ein Haus ohne Balkon
  • wie ein Krüppel
  • wie eine Frau ohne Titten
  • wie ein Himmel ohne Sterne
  • wie eine Jeans ohne Nieten
  • kein Mann

Wenn wir es schaffen, die Geschmacklosigkeit solcher Sprüche außer Acht zu lassen, kann man das Ganze zusammenfassen zu folgender Aussage: Es ist in Ordnung übergewichtig zu sein, wenn man ein Mann ist.

Eine Frau mit Bauch ist

  • fett

 

Lob wem Lob gebührt

Meine Arbeitskollegin erzählte mir letztens ganz freudestrahlend, dass sie ihren Mann nun dazu gebracht hat, ihr im Haushalt zu helfen. – Zu helfen, ja richtig. Als wäre es ihre alleinige Aufgabe als Frau, den Haushalt in Ordnung zu bringen und er ja so nett, wenn er auch etwas tut, um ihr die Arbeit zu erleichtern. Dabei sollte es eigentlich selbstverständlich sein, seinen Anteil zu erledigen.

Aber nicht nur beim Aufräumen, nein, auch für Kochen, Kinderbetreuung und einkaufen gehen wird der Mann besonders gelobt und unter seinen Artgenossen hervorgehoben. Offenbar ist das, was für Frauen lange selbstverständlich war oder noch ist, eben als genau das anzusehen – selbstverständlich und nicht erwähnenswert, während Männer für jede noch so kleine Erledigung in den Himmel gehoben werden.

Er hat mir die Tür aufgehalten, als ich mit den Händen voller Einkaufstüten nach Hause kam, er ist so ein Gentleman. Er hat letztens seine weißen Hemden selbst gebügelt, wie nett von ihm, dann muss ich es nicht mehr machen. Er hat auf das Baby aufgepasst, als ich nach einem Jahr wieder einmal eine Freundin treffen wollte, er ist so rücksichtsvoll. Er hat zum Jahrestag sogar für mich gekocht, da sieht man, dass ihm etwas an mir liegt.

Jaja, das Problem ist oft hausgemacht, wenn frau schon mit Nichts zufrieden ist.

 

Alles wahr!?

Nach Beendigung des Artikels habe ich vor lauter schlechtem Gewissen eine meiner Freundinnen gefragt, ob sie nicht denkt, dass das jetzt zu viel war, dass Männer da jetzt zu schlecht wegkommen. Sie meinte dazu nur: „Aber es ist doch alles wahr!!!“

 

Ira Heinzl (*1980 in Stockerau, NÖ) ist Obfrau des Kulturvereins „Der Euler“. Als solche plant und organisiert sie regelmäßig Veranstaltungen in Innsbruck mit speziellem Interesse für Konzerte für Nischenpublikum. Sie wirkte vier Jahre lang als künstlerische Leitung im Café Dezentral in Wien und organisierte Lesungen, Konzerte und Kabaretts. Des Weiteren ist sie als Schriftstellerin tätig. Zum Hörspiel „Angst essen Reisen auf“ kontribuiert sie als Co-Autorin.

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